chrismon - 01.05.2002
Sie fürchten nur eins: Dass auch Kardinal Meisner Mitglied werden will
Göttliche Beschwörungen geistern schon lange durch die Fußballstadien. Da zwirbeln begnadete Flügelflitzer ihre Flanken in den Strafraum, da grätschen überirdische Stopper über die Grasnarbe, und mancher Stürmer wird fast wie ein Heiliger verehrt. In den Fankurven jubelt dann die Fußballgemeinde. Oder sendet Stoßgebete gen Himmel. Doch im katholischen Köln gibt es einen Fanclub der anderen Art. Für ihn reichen himmlische Angelegenheiten weit über das Spielfeld hinaus - und das nicht nur, weil der Astronaut Reinhold Ewald Mitglied ist: Bei "Tora et labora" haben sich die frommsten Fans des 1.FC Köln zusammengefunden.
Gegründet wurde der Fanclub von Pastoralreferent Tom Döker. "Viele Leute denken ja, die Leute von der Kirche sind weltfremd", meint der 33-jahrige Familienvater, "dabei lesen auch wir am Montag in der Zeitung zuerst den Sportteil!" Rund 90 Fußballfreunde sind mittlerweile dabei, Männer und auch viele Frauen, Kinder ebenfalls. Der Älteste ist 8o Jahre alt. Gläubig sind sie alle - doch mit dem viel bemühten Fußballgott haben sie nichts im Sinn. Tom Döker lacht und sagt: "Den gibt's nicht. Der wäre dann ja ein Gott der Bayern."
"Tora et labora" gehört zu den katholischen Pfarrgemeinden St. Vitalis und St. Pankratius in den Kölner Stadtteilen Junkersdorf und Müngersdorf - nur wenige Ballwürfe vom großen Fußballstadion entfernt. Solch eine Nähe ist Inspiration. Und der Name des Clubs ist gelungenes Fußballerlatein: nämlich eine sportliche Abwandlung von "ora et labora", was "bete und arbeite" heißt und auf das Generalmotto des Benediktinerordens zurückgeht. "Tora et labora" ist also ein Fanclub, dessen Philosophie den Spielern in die Füße gehen soll: "Schieße Tore und arbeite." Genützt hat die Botschaft in dieser Saison allerdings wenig, denn der 1.FC Köln hat sehr, sehr wenig Tore geschossen und ist mit einer beispiellosen Negativserie in die Geschichte der Bundesliga eingegangen - über 1ooo Minuten ohne Torerfolg! Für mehr Treffer zu beten, das geht Döker dann doch zu weit. Auch wenn es immer wieder Menschen gibt, die für den FC im Dom eine Kerze anzünden und den Fanschal daneben legen.
Als der fromme Fanclub vor drei Jahren ins Leben gerufen wurde, waren die Zeiten für den 1. FC Köln ebenfalls trüb. Der Verein hatte sich gerade für zwei Jahre in die zweite Liga verabschiedet. "Viele von uns waren völlig fertig", erzählt Frank Aufermann, 24, Kundenberater bei einer Bank und Sprecher des Fanclubs. Also schloss man sich zur Fangemeinschaft "Tora et labora" zusammen - damit erhielt eine durchhängende Spielertruppe quasi göttlichen Beistand und im Sommer 2000 stieg der FC wieder auf. "Am Anfang gab es in der Gemeinde wegen des Fanclubs schon ein wenig Skepsis", erzählt Pastoralreferent Tom Döker. Denn für manche, die sich mit den Leidenschaften für das runde Leder nicht so auskennen, ist ein Fußballfan stets Teil einer fürchterlich grölenden und wankenden Masse. Kölner Fanclubnamen wie "Die krassen Idioten" oder "Drei Promille Colonia" machen nicht gerade Lust auf mehr. Doch das ist eben nur die eine Seite der Fan-Szene. Und die fällt immer auf.
"Wir sind auch ein Fanclub für Toleranz, gegen die Diskriminierung von Ausländern", erklärt Tom Döker und spielt auf die Rechtsausleger unter den Clubs an. Der Pastoralreferent hat "Tora et labora" aber auch gegründet, um die Kirche nah an die Lebenswelt der Menschen zu rücken. Er möchte gerade Jugendliche ansprechen. "Die Zeiten sind vorbei, in denen die Leute einfach so in die Kirche kommen", so Dökers Diagnose, "wir müssen sie dort abholen, wo sie sich befinden." Das kann das Fußballstadion sein. "Wir machen das aber aus ehrlichem Interesse für diesen Sport", betont er. Clubsprecher Frank Aufermann fügt hinzu: "Man muss auch nicht katholisch sein, um bei uns Mitglied zu sein, man kann auch gar nichts von Gott halten." Nur ein bisschen Fußballverrücktheit sollte ein Mitglied schon mitbringen.
Die Fans von "Tora et labora" pilgern nicht nur gemeinsam ins Müngersdorfer Stadion, um ihren 1.FC Köln anzufeuern. Prickelnde Spielatmosphäre herrschte auch schon direkt unterm Kirchendach: Die Fans haben zum letzten Pfingstfest einen stilechten Gottesdienst in Trikots und Schals gefeiert. Tom Döker hielt damals eine Predigt über die spirituelle Dimension des Fanseins: "Gott ist auch ein Fan", erklärt er im Rückblick, "ein Fan von den Menschen." Und die Apostel können wiederum ein Vorbild für die Fußballfans sein: "Man kann sich viel von ihnen abgucken." Wie sie für ihren Glauben eingestanden hätten, der ja ihre Herzensangelegenheit gewesen sei.
Auch Fußball kann eben Herzenssache sein. Und er ist vor allem ein Gemeinschaftserlebnis. Der Teamgedanke ist wichtig, sagt Frank Aufermann. "Man kann gemeinsam mehr erreichen als allein." Bei "Tora et labora" ein Motto für die ganze Woche, für das ganze Leben.
Das Vorbild für den frommen Fanclub, erzählt Tom Döker, ist die Fanarbeit des spanischen Missionsordens der Amigoianer. Die Padres hätten sich in Köln um Jugendliche gekümmert, seien jetzt allerdings in Gelsenkirchen aktiv. Aber auch in der Domstadt sind noch weitere Geistliche sehr an Fußball interessiert und deshalb Mitglied bei "Tora et labora": neben dem Pfarrer Joachim Arndt auch Weihbischof Manfred Melzer. "Der fand uns spannend", sagt Frank Aufermann. Mittlerweile hat der Weihbischof auch die Vereinsfahne finanziert.
Tom Döker bemerkt aber mit einem Augenzwinkern, dass seit Melzers Mitgliedschaft der Verein viele Spiele lang keine Tore mehr geschossen hätte - deshalb zögere man nun, den als Fußballfan bekannten Kardinal Joachim Meisner zu fragen. "Nicht, dass wir noch in die Oberliga absteigen!"
Annnette Zellner (Fotos von Uwe Schinkel)