Publik-Forum - 21.11.2003
Göttlicher Beistand für eine lahmende Truppe
Göttliche Beschwörungen geistern schon lange durch die Fußballstadien. Da schlagen begnadete Flügelspieler ihre himmlischen Flanken in den Strafraum, da grätschen überirdische Stopper über die Grasnarbe, und mancher Stürmer wird fast wie ein Heiliger verehrt. In den Fan-Kurven jubelt dann die Fußballgemeinde. Oder sendet Stoßgebete gen Himmel.
Doch im katholischen Köln gibt es einen Fan-Club der anderen Art. Für ihn reichen himmlische Angelegenheiten weit über das Spielfeld hinaus. Und das nicht nur, weil der Astronaut Reinhold Ewald Mitglied ist. Bei "Tora et labora" haben sich die frommsten Fans des 1.FC Köln zusammengefunden.
Gegründet wurde der Fanclub von Pastoralreferent Tom Döker. "Viele Leute denken ja, die Leute von der Kirche sind weltfremd", meint der 34-jährige Familienvater, "dabei lesen auch wir am Montag in der Zeitung zu erst den Sportteil." 65 Fußballfreunde sind mittlerweile dabei. Männer und auch Frauen. Kinder ebenfalls. Der Älteste ist fast 80. Gläubig sind sie alle - doch mit dem viel bemühten Fußballgott haben sie nichts im Sinn. Tom Döker lacht und sagt: "Den gibt es nicht. Der wäre ja ein Gott der Bayern!"
"Tora et labora" gehört zu den katholischen Pfarrgemeinden St. Vitalis und St. Pankratius in den Kölner Stadtteilen Junkersdorf und Müngersdorf - nur wenige Ballwürfe vom großen, jetzt neu gebauten Fußballstadion entfernt Solch eine Nähe ist Inspiration. Und der Name des Fan-Clubs gelungenes Fußballerlatein: nämlich eine sportliche Abwandlung von 'ora et labora', was 'bete und arbeite' heißt und auf das Motto des Benediktinerordens zurückgeht.
'Tora et labora' ist also ein Fan-Club, dessen Philosophie den Spielern in die Füße gehen soll, nach der Devise: 'Scbieße Tore und arbeite'. Das hat nicht immer was genützt. Doch in dieser Saison spielt der kölsche Verein wenigstens wieder in der Ernten Bundesliga mit, wenn auch nur mit bescheidenem Erfolg. "Es gibt leise Zweifel an der Erstligatauglichkeit", bekennt Fan-Club-Sprecher Frank Aufermann, er ist Kundenberater bei einer Bank. Doch für eine Vermehrung der Treffer ins gegnerische Tor zu beten, das geht ihm und dem Theologen Tom Döker dann doch zu weit. Auch wenn es immer wieder Menschen gibt die für den FC im Dom eine Kerze anzünden und den Fan-Schal daneben legen. Ob diese zu 'Tora etlabora' gehören, ist nicht bekannt.
Als der fromme Fan-Club vor fast fünf Jahren ins Leben gerufen wurde, waren die Zeiten für den 1. FC Köln noch trüber als heute. Der Verein hatte sich gerade abwärts in die Zweite Liga verabschiedet. "Viele von uns waren völlig fertig", erzählt Frank Aufermann. Deshalb schloss man sich zur Fan-Gemeinschaft 'Tora et labora' zusammen - und so erhielt eine ziemlich durchhängende Spielertruppe quasi göttlichen Beistand. Im Sommer 2000 stieg der FC dann wieder auf. "Am Anfang gab es in der Gemeinde schon ein wenig Skepsis wegen unseres Fan-Clubs", erzählt Pastoralreferent Tom Döker. Denn für jene, die sich mit den Leidenschaften für das runde Leder nicht so gut auskennen, ist ein Fußball-Fan stets eine Art Molekül einer fürchterlich grölenden und wankenden Masse. Kölner Fan-Clubnamen -wie "Die krassen Idioten" und "Drei Promille Colonia" sprechen für sich. Doch das ist eben nur die eine Seite der Fan-Szene. Und die fällt immer auf.
"Wir sind auch ein Fan-Club für Toleranz, gegen die Diskriminierung von Ausländern", erklärt Tom Döker und spielt auf die Rechtsausleger unter den Clubs an. Der Pastoralreferent hat "Tora et labora" aber auch gegründet, um die Kirche nah an die Lebenswelt der Menschen zu rücken. Er möchte vor allem Jugendliche ansprechen. "Die Zeiten sind vorbei, in denen die Leute einfach so in die Kirche kommen", so Dökers Diagnose, "wir müssen sie dort abholen, wo sie sich befinden." Das kann eben auch das Fußballstadion sein. "Wir machen das aber aus ehrlichem Interesse für den Sport", betont er. Sprecher Frank Aufermann fügt hinzu: "Man muss auch nicht katholisch sein, um bei uns Mitglied zu werden. Man kann auch gar nichts von Gott halten." Nur ein bisschen fußballverrückt sollte ein Mitglied bei 'Tora et labora' schon sein.
Die Fans von 'Tora et labora' pilgern nicht nur gemeinsam ins Müngersdorfer Stadion, um ihren 1. FC Köln anzufeuern. Prickelnde Spielatmosphäre herrschte auch schon direkt unterm Kirchendach: Die Fans haben zum Pfingstfest einen stilechten Gottesdienst in Spielertrikots und Schals gefeiert. Tom Döker hielt damals eine Predigt über die spirituelle Dimension des Fan-Seins: "Gott ist auch ein Fan", erklärt er im Rückblick, "ein Fan von den Menschen." Und die Apostel können wiederum Vorbild für die Fußball-Fans sein. "Man kann sich viel von ihnen abgucken." Wie sie für ihren Glauben eingestanden hätten, der sei ja auch ihre Herzensangelegenheit gewesen.
Auch Fußball kann eben Herzenssache sein. Und er ist vor allem ein Gemeinschaftserlebnis. Der Teamgedanke ist wichtig, meint Frank Aufermann. "Man kann gemeinsam mehr erreichen als allein." Bei 'Tora et labora' ist das ein Motto für die ganze Woche, für das ganze Leben. Das Vorbild für den frommen Fan-Club, erzählt Tom Döker, ist die Fan-Arbeit des spanischen Missionsordens der Amigoianer. Die Padres hätten sich in Köln um Jugendliche gekümmert, seien jetzt allerdings in Gelsenkirchen aktiv. Aber auch in der Domstadt sind noch weitere Geistliche sehr an Fußball interessiert und deshalb Mitglied bei 'Tora et labora': neben dem Pfarrer Joachim Arndt auch Weihbischof Manfred Melzer. "Der fand uns spannend", sagt Frank Aufermann. Der Weihbischof hat auch die Vereinsfahne finanziert. Bald soll er den clubeigenen FanSchal verliehen bekommen.
Tom Döker bemerkt mit einem Augenzwinkern, dass mit Beginn der Mitgliedschaft des Weihbischofs der Verein viele Spiele lang keine Tore mehr geschossen habe - deshalb zögere man nun, den als Fußball-Fan bekannten Kardinal Joachim Meisner zu fragen, ob er auch Mitglied werden möchte: "Nicht, dass wir Kölner wieder absteigen."
Annette Zellner.