Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung - 04.12.2006
Mer losse d'r Daum en Kölle . . .

Thomas Broich steht nicht im Verdacht, zum rheinischen Überschwang zu neigen. Seit Saisonbeginn trägt der Mittelfeldspieler das Trikot des 1. FC Köln. Geboren wurde er aber nicht in jener Stadt, die sich als Metropole im Fußball und überhaupt fühlt, sondern dort, wo der erfolgreichste und berühmteste deutsche Fußballklub wirklich zu Hause ist: in München.

Broich ist Bayer, er hat Abitur, und wenn er um seine Meinung gefragt wird in dem Fußballgeschäft, das er auch "Showbusiness" nennt, dann wägt er seine Worte ab. Wenn Broich also über den Rummel in Christoph Daums erster Arbeitswoche sagt: "Das ist nur in Köln möglich", dann bedient er nicht nur das urkölsche Selbstverständnis, in der schönsten und stimmungsvollsten Stadt der Welt zu leben, sondern dann darf er durchaus ernst genommen werden. Die Stadt scheint im Ausnahmezustand seit acht Tagen, seit der ewige Lieblingstrainer dem FC nach tagelangem Hin und Her sein Jawort gab. 9000 Zuschauer beim ersten öffentlichen Training und Plakate mit der Aufschrift "Habemus Daum" im Stadion: Das katholische Köln begrüßt einen "Messias", den viele FC-gläubige Anhänger nur vom Hörensagen kennen.

Vor allem jüngere Fans wissen gar nicht recht, wen sie als Heilsbringer preisen. "Viele Jugendliche haben seine Zeit in Köln gar nicht mitbekommen", sagt Frank Aufermann vom Fanklub "Tora et Labora". Die Begeisterten von heute waren damals, als der Jungtrainer Daum von 1986 bis 1990 den FC zweimal fast zum Meister machte, entweder noch gar nicht geboren, oder sie waren Kleinkinder. In den folgenden 16 Jahren war Daum dem Klub nur einmal nahegekommen, in seiner Zeit als Trainer von Bayer Leverkusen. Trotzdem herrsche eine große Identifikation mit dem Mann, der den Zweitligaverein zum Aufstieg führen soll, sagt Aufermann, weil "jeder merkt, wie sehr Daum mit dem Herzen am FC hängt". Im Gegenzug können die Anhänger ihre Liebe zeigen, indem sie sich zum Einstand des Trainers gegen den MSV Duisburg am Montag einen Christoph-Daum-Fanschal um den Hals hängen: "Herzblut" steht drauf und "Willkommen zu Hause".

Die kürzestmögliche Erklärung für die Daum-Manie hat Wolfgang Overath gefunden. "Köln ist nicht Wolfsburg", sagt der Klubpräsident, der schon als Fußballprofi nie vom FC loskam. "Der Trainer muß zur rheinischen Mentalität passen." Was das heißen soll, können nur Ureinwohner nachvollziehen; den Rest Deutschlands muten das überschwengliche Gemüt oder die Tendenz zur Übertreibung eher befremdlich an. Genauso wie die Forderung von Manager Michael Meier, die "elitäre Arroganz" müsse zurückkehren zu jenem Klub, der sich in den sechziger Jahren als "Real Madrid des Westens" fühlte - und das nicht nur wegen der weißen Spielkleidung. Zu dem Anspruch, der sich nach vier Abstiegen ein gutes Stück von der Wirklichkeit entfernt hat, paßt niemand besser als Daum, der sich nicht nur einen "unerschütterlichen Optimismus" bescheinigt, sondern für den der FC "mehr ist als ein gewonnenes oder verlorenes Spiel" - nämlich ein "Markenartikel" in der Welt.

Die Zeit der "Entkölschung" des FC, die Präsident Albert Caspers und Manager Andreas Rettig mit genügsamem Wirtschaften und vernünftiger Realpolitik im Verein vorangetrieben hatten, ohne aber die Herzen der Mitglieder zu erreichen, ist vorüber, seit Overath im Juni 2004 zum Chef gewählt wurde. Unter dem Fußballidol wirken wieder alte Cliquen, wie so oft in Köln, wo der Klüngel seine Kompromisse mit der Formel besiegelt: "Do han mer all jet vun" ("Davon haben wir alle etwas"). Die meisten Posten beim FC sind nun mit Ehemaligen besetzt, die ihre innige Verbundenheit zum Klub wieder ausleben dürfen.

Als letzte kehrten zurück: Michael Meier (bis 1987 Vorstandmitglied) als Manager, Thomas Häßler (bis 1990 FC-Profi) als Techniktrainer und Dirk Lottner (bis 2004 FC-Spieler) als Assistenztrainer der U 23. Mit Daums Comeback hat sich der Kölner Kreis endgültig geschlossen. Daß daran auch der Oberbürgermeister im Hintergrund mitwirkte, gehört zu den kölschen Gepflogenheiten. Fritz Schramma hatte mit einem offenen Brief dazu beigetragen, Overath ins Präsidentenamt zu loben, und Schramma hat vor zwei Wochen Daum angerufen, damit er seinem Herzen einen Ruck gibt. Der Trainer war von lauter Zuspruch geradezu umzingelt. In dieser Woche folgte, aus sportlichen Gründen, ein eigenwilliger Befreiungsschlag.

Manager Michael Meier will die "elitäre Arroganz" zurück Daum, dem der Klub viel Macht und Möglichkeiten gegeben hat, schottet sich mit seiner Mannschaft nach dem ersten Jubel und Trubel ab. Damit das Geißbockheim nicht täglich zum Tollhaus wird, hat Daum die öffentlichen Trainingseinheiten ("Relikte aus einer semiprofessionellen Zeit") stark eingeschränkt. Die Fans murrten, doch Daum, mit einem Vertrag bis 2010 ausgestattet, geht noch weiter. "Mittelfristig" plant er, dem einst als bürgernahe Begegnungsstätte bekannten Geißbockheim ganz den Rücken zu kehren, das Gelände dem Nachwuchs zu überlassen und mit den Profis ein Trainingszentrum am Stadtrand zu beziehen. Die Klubführung zieht mit.

Weil ihr der Trainer lieb und teuer ist, hat sie den Saisonetat auf 41 Millionen Euro erhöht. "Wahrscheinlich ist Daum die letzte Chance, die der Verein hat", sagt FC-Fan Aufermann. Vielerorts wird das Wagnis, auch das finanzielle, beargwöhnt. Der Kölner an sich meint es besser zu wissen: Et hätt noch immer jotjejange.


Thomas Klemm